Versuch einer Chronologie


Sammler sind bekanntlich besessene Menschen; das gilt auch für Briefmarkensammler. Sie kümmern sich nicht allein um die Postwertzeichen - wie die offizielle Bezeichnung der gezähnten oder geschnittenen Papierstückchen lautet. Sie interessiert auch alles, was im weiten Umfeld mit der Post zu tun hat.

Dazu gehören naturgemäß auch die Stempelabdrucke auf Briefen, Karten und Formularen, die dem Kenner auf den ersten Blick Einiges über Herkunft und Alter verraten. Dabei sind Poststempel viel älter als Briefmarken; kaum einem Sammler ist geläufig, dass Poststempel schon bald 150 Jahre im Gebrauch waren, ehe die ersten Briefmarken 1849 in Deutschland ausgegeben wurden. Ursprünglich hatten sie gar nichts mit der Entwertung von Marken zu tun. Sie erschienen zu Beginn des 18. Jahrhunderts auf der Korrespondenz und dienten zunächst nur dem Zweck, den Aufgabeort anzugeben. Dazu muß man wissen, dass in jener Zeit der Empfänger das Porto zu zahlen hatte. Also mußte der Postbeamte am Bestimmungsort wissen, woher eine Nachricht kam, um das Porto richtig berechnen und kassieren zu können.

Poststempel passen sich aber auch politischen, wirtschaftlichen und betriebsbedingten Notwendigkeiten an. Sie ändern sowohl Form als auch Inhalt, sie werden aus unterschiedlichem Material hergestellt, die Technik wendet andere Herstellungsverfahren an als vor fast 300 Jahren. Poststempel spiegeln deshalb auch einen Teil der Zeitläufte wider, in denen sie eingesetzt wurden. Den historisch Interessierten reizt daher auch ein Blick sozusagen hinter die Kulissen, der noch unbekannte Stempelabdruck macht neugierig. Wer sich etwas näher mit Poststempeln befasst, wird bald feststellen, dass ihre Zahl Legion ist, unüberschaubar für den Einzelnen. Also muß man sich auf ein fest umrissenes Gebiet beschränken, zeitlich, geographisch, von der Form her oder auf ein sonstiges ganz spezifisches Charakteristikum. Was liegt dabei näher, als sich auf eine Region oder auch nur einen Ort zu beschränken, z. B. auf die postamtlichen Stempel St. Georgens?


Dabei schien es, als ich mich vor 1980 zum erstenmal mit der Materie zu befassen begann, von Vorteil zu sein, dass das ehemalige Dorf erst 1839 an das Postnetz angeschlossen wurde, als zum 1. Juli dieses Jahres die neue "Kunststraße" von Triberg über die Sommerau eröffnet wurde (heutige B 33). Bis dahin lief der noch pferdebespannte Postkurs über die Brogenstraße von Hornberg über das Reichenbächle und Langenschiltach an St. Georgen vorbei nach Villingen. Also war die postalische Zeit von St. Georgen relativ kurz, der Ort noch verhältnismässig klein und damit die selbst gestellte Aufgabe überschaubar. Das erste Resultat der Sammelbemühungen ist in der Broschüre des Briefmarkensammlervereins St. Georgen zum 50jährigen Bestehen 1981 zu sehen; allein es zeigte sich recht bald, dass die dortige Aufstellung lückenhaft ist und stellenweise auch schlicht falsch. Nach 20 Jahren ist die Lage nicht viel anders. Es ist mir immer noch nicht gelungen, die Aufgabe abzuschließen und sie wird nach Ansicht des Verfassers so ganz auch nie fertig werden. Allein schon die Frage, ob man denn alle postamtlichen Stempel aufgespürt hat, bleibt bis zu einem gewissen Grad offen, obgleich eventuelle Lücken nicht groß sein können. Ärgerlicher ist schon, dass es bestimmte Stempel geben muß oder doch mit hoher Wahrscheinlichkeit geben müsste, allein ich kann sie bis jetzt nicht belegen. Aber irgendwann muß man einen vorläufigen Schlußstrich ziehen und das bisher Erreichte zusammenstellen; die weitere Suche wird davon nicht berührt, übt naturgemäß einen hohen Reiz aus und stellt mit das Fundament des Steckenpferds dar.

Zählt man alle bisher festgestellten Tagesstempel der Bergstadt zusammen, kann man sich zunächst über die mannigfaltigen Schreibweisen des Ortsnamens und der geographischen Zusätze wundern; berücksichtigt man auch die verschiedenen Unterscheidungsbuchstaben (Ub) und bei den Werbestempeln die wechselnden Einsätze, dann kommt man auf eine Zahl um die 90; weitere zehn gibt es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, so dass es darum geht, rund 100 Stempel zu beschreiben und auch abzubilden; mit den "Sonstigen Stempeln" im Kapitel 8 kommen wir auf über 130 Abbildungen. Schließlich soll auch der historische und dabei besonders der lokale Hintergrund geschildert werden, der das Verständnis für manche Einzelheiten erst ermöglicht. Dabei geht man am besten chronologisch vor; davon ausgenommen werden Ersttags-, Sonder- und Werbestempel; sie stellen Sonderformen dar, die auch eine besondere Erklärung verdienen.

Maßgebend für die Eingliederung ist der Verwendungsbeginn; es liegt in der Natur der Sache, dass die allermeisten Stempel auch noch in der daran anschließenden Periode verwendet wurden, bis sie keine brauchbaren Abschläge mehr hergaben, also verbraucht waren. Andererseits gibt es für manche Typen, z. B. Sonderstempel, genau begrenzte Verwendungszeiträume, was die Eingruppierung eher erleichtert.

Streng genommen müsste man den Abschnitt für die Deutsche Bundespost mit dem 31. Dezember 1994 abschließen, denn laut §2 des Postumwandlungsgesetzes ist mit dem 1.1.1995 die Post ein Privatbetrieb in der Form einer AG geworden; weil sie aber die bisher amtlichen Stempel unverändert übernommen hat, ergeben sich dadurch keine Auswirkungen auf meine Aufgabe. Deshalb erlaube ich mir auch die Freiheit, die jetzt "privat" gewordenen Stempel aus praktischen Gründen weiter zu den "amtlichen" zu zählen.